Die Anforderungen an moderne Werkstoffe steigen kontinuierlich. In Branchen wie Aerospace, Medizintechnik, Defense oder chemischer Prozessindustrie entscheiden Materialreinheit, mechanische Eigenschaften und vollständige Rückverfolgbarkeit über Sicherheit, Leistungsfähigkeit und Lebensdauer von Komponenten.
Spezialstahlprojekte spielen daher eine zentrale Rolle in der industriellen Wertschöpfung. Sie verbinden metallurgisches Know-how, präzise Fertigungsprozesse und eine enge Zusammenarbeit zwischen Kunde und Hersteller.
Im Gespräch erläutert Emil Hamzic, Leiter Vertriebsinnendienst für Schmiedeprodukte bei Breitenfeld, wie solche Projekte entstehen, welche Industrien aktuell besonders hohe Anforderungen stellen und welche neuen Möglichkeiten sich durch die neue Schmiedepresse des Unternehmens ergeben.
Der Vertrieb übernimmt bei Sonderwerkstoffen eine zentrale Rolle. Er fungiert als Verbindung zwischen Kundenanforderung, technischer Machbarkeit und Marktpotenzial.
„Der Vertrieb hat die Aufgabe, Kundenbedürfnisse und Markttrends frühzeitig zu erkennen und diese mit den technischen Möglichkeiten unseres Betriebs abzugleichen“, erklärt Emil Hamzic.
Dabei geht es nicht nur darum, einzelne Anfragen zu bearbeiten. Vielmehr analysiert der Vertrieb auch, ob sich aus einem Projekt neue Marktsegmente oder zusätzliche Kunden ergeben können.
Fragt ein Motorsportkunde einen besonderen Werkstoff an, prüft Breitenfeld mögliche Synergien für andere Bedarfe in diesem Werkstoff. Das vergrößert den potenziellen Absatz für eine ganze Schmelzcharge – ein wichtiger Aspekt für eine effiziente Stahlproduktion
Dieser Ansatz ermöglicht es, neue Werkstoffe wirtschaftlich zu produzieren und gleichzeitig Lagerbestände zu vermeiden.
Der Unterschied zwischen klassischen Stahlprodukten und Spezialstahlprojekten liegt vor allem im Entwicklungs- und Analyseaufwand.
Während bei Standardprodukten häufig umfangreiche Produktions- und Anwendungserfahrung vorliegt, erfordern Spezialwerkstoffe eine deutlich intensivere technische Bewertung.
„Bei Spezialprodukten ist ein deutlich höherer Aufwand erforderlich – insbesondere in den Bereichen Technik, Technologie und Produktion.“, sagt Hamzic.
Dabei werden unter anderem folgende Fragen untersucht:
Auf Basis dieser Erkenntnisse wird der neue Werkstoff entwickelt – oder präziser formuliert: modifiziert.
Denn Breitenfeld entwickelt in der Regel keine völlig neuen Legierungen, sondern passt bestehende Werkstoffe gezielt an spezifische Anforderungen an.
Viele Kunden wenden sich an Breitenfeld mit konkreten technischen Herausforderungen. Häufig geht es dabei um Probleme wie:
In solchen Fällen analysiert Breitenfeld zunächst das bestehende Material des Kunden.
Der typische Ablauf umfasst mehrere Schritte:
Auf dieser Basis können gezielte Anpassungen erfolgen.
Ein Beispiel ist die Legierung von Nickel zur Verbesserung von Kerbschlagwerten bei niedrigen Temperaturen oder die Anpassung des Umformgrades beim Schmieden.
In vielen High-Tech-Anwendungen spielt der Reinheitsgrad
des Materials eine entscheidende Rolle.
Daher kommen häufig Umschmelzverfahren wie ESU (Elektroschlacke-Umschmelzen) oder VAR (Vakuum-Lichtbogen-Umschmelzen) zum Einsatz.
Diese Verfahren ermöglichen deutlich höhere Reinheitsgrade als konventionelle Herstellungsprozesse.
„Bei kritischen Anwendungen ist ein hoher Mikro- und Makroreinheitsgrad entscheidend. Das kann mit offenen Schmelzverfahren oft nicht erreicht werden.“
In bestimmten Bereichen wird das Material sogar mehrfach umgeschmolzen – ein Verfahren, das bei Breitenfeld als Triple-Melt-Prozess eingesetzt wird.
Solche Anforderungen sind insbesondere in folgenden Branchen üblich:
Die Nachfrage nach Spezialwerkstoffen kommt aus unterschiedlichen Industriezweigen – mit teilweise sehr unterschiedlichen Anforderungen.
Aktuell sieht Breitenfeld besonders starke Nachfrage in folgenden Bereichen:
Aerospace
Die Luftfahrt stellt sehr hohe Anforderungen an Materialqualität, Dokumentation und Prozessstabilität.
Motorsport
Hier kommen neue Werkstoffe wie S156, 1.6722 VAR oder 9310 VAR zum Einsatz, die speziell für extreme mechanische Belastungen entwickelt wurden.
Defense
Seit Beginn des Ukrainekriegs ist die Nachfrage nach hochreinen, umgeschmolzenen Stählen deutlich gestiegen. Gleichzeitig verfolgt die EU das Ziel, ihre industrielle Unabhängigkeit im Verteidigungssektor zu stärken.
Chemische Industrie
Hier werden Spezialstähle beispielsweise für Sicherheitsventile oder hochbelastete Komponenten eingesetzt.
Medizintechnik
Dieser Bereich bietet großes Wachstumspotenzial, stellt jedoch hohe Anforderungen an Zulassungen und Zertifizierungen.
In einigen Anwendungen bewegen sich Werkstoffe an der Grenze technischer Möglichkeiten.
Besonders hohe Anforderungen treten beispielsweise auf:
Hier müssen Werkstoffe extrem niedrige Gehalte an sogenannten Stahlschädlingen wie Phosphor aufweisen und gleichzeitig höchste mechanische Eigenschaften erreichen.
„Wir bewegen uns hier teilweise am absoluten Limit unserer technischen Möglichkeiten.“
Solche Projekte erfordern umfangreiches Know-how entlang der gesamten Prozesskette – von der Schmelze über das Umschmelzen bis zur Schmiedefertigung.
Viele Schmiedeprodukte werden anschließend weiterverarbeitet, beispielsweise durch Walzen auf eine andere Abmessung oder mechanische Bearbeitung.
Diese Partner spielen eine wichtige Rolle im industriellen Netzwerk.
Breitenfeld liefert häufig das Vormaterial, während Walzpartner die weitere Verarbeitung übernehmen. Dadurch entsteht eine effiziente Arbeitsteilung entlang der Wertschöpfungskette.
Für Kunden hat das einen wichtigen Vorteil:
Sie müssen sich nicht selbst um die Beschaffung des Vormaterials kümmern.
Mit der neuen 40-MN-Schmiedepresse erweitert Breitenfeld seine Fertigungsmöglichkeiten erheblich.
Aus Vertriebssicht bringt diese Investition mehrere Vorteile:
Ein entscheidender Faktor ist der deutlich erweiterte Abmessungsbereich.
„Der Durchmesserbereich steigt von etwa 350 mm auf rund 850 mm.“
Zusätzlich ermöglicht ein schienengebundener Manipulator die Herstellung deutlich längerer Stäbe.
Bauteile mit bis zu zehn Metern Länge können künftig präziser und mit besserer Geradheit gefertigt werden.
Das eröffnet neue Möglichkeiten beispielsweise für:
Aktuell sieht Breitenfeld vor allem im Verteidigungssektor eine steigende Nachfrage nach hochreinen Spezialstählen.
Zudem hat sich der Markt in jüngster Zeit wieder stärker auf Versorgungssicherheit und technische Leistungsfähigkeit konzentriert
Für Emil Hamzic liegt die besondere Attraktivität von Spezialstahlprojekten vor allem in ihrer Vielfalt.
Jedes Projekt bringt neue technische Herausforderungen und neue Einblicke in industrielle Anwendungen.
„Man lernt neue Unternehmen, neue Produkte und neue Fertigungsmöglichkeiten kennen.“
Auch für die Produktion bieten solche Projekte die Möglichkeit, unterschiedliche Prozessvarianten zu testen und kontinuierlich Erfahrungswerte zu sammeln.
Wenn Unternehmen ein neues Spezialstahlprojekt starten möchten, empfiehlt Hamzic vor allem eines: Transparenz.
Eine offene Zusammenarbeit zwischen Kunde und Hersteller ist entscheidend für den Erfolg.
Wichtige Informationen sind beispielsweise:
Ebenso wichtig ist Geduld.
„Spezialprodukte haben andere Durchlaufzeiten als Standardprodukte.“
Denn neue Werkstoffe oder Prozessanpassungen müssen intern sorgfältig geprüft und validiert werden.
Spezialstahlprojekte sind ein Zusammenspiel aus metallurgischem Know-how, technischer Analyse und enger Zusammenarbeit zwischen Kunde und Hersteller.
Mit zunehmenden Anforderungen in High-Tech-Industrien wächst auch die Bedeutung hochreiner und exakt spezifizierter Werkstoffe.
Durch seine Erfahrung im Bereich umgeschmolzener Spezialstähle und die neue Schmiedepresse erweitert Breitenfeld seine Möglichkeiten, solche anspruchsvollen Projekte umzusetzen – von der ersten Analyse bis zum fertigen Schmiedeprodukt.
So wird Spezialstahl zum Schlüsselfaktor für Innovationen in wichtigen Zukunftsindustrien.
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